Was senkt nachweislich die Krebsmortalität?

Über Krebsprävention wird viel gesprochen: Ernährung, Bewegung, Gewicht, Alkohol, Vitamine, Umweltgifte, Früherkennung. Fast alles scheint irgendwie mit Krebs zusammenzuhängen.

Die entscheidende Frage ist strenger: Welche Massnahmen senken nicht nur das Krebsrisiko, sondern die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben?

Hier wird die Liste überraschend kurz.

Drei Ebenen

Man muss drei Dinge auseinanderhalten:

Risikofaktor → Krebsentstehung → Krebstod.

Dass ein Faktor Krebs begünstigt, heisst noch nicht, dass seine Beseitigung in Studien weniger Krebstote gezeigt hat. Oft ist nur die Senkung der Neuerkrankungen belegt. Wo eine Krankheit gar nicht erst entsteht, ist der Nutzen allerdings naheliegend. Die folgenden Abschnitte sagen jeweils, auf welcher Ebene die Evidenz liegt.

Rauchen: der grösste Hebel

Kaum eine Massnahme ist onkologisch so gut belegt wie der Verzicht auf Tabak. Eine Analyse der Internationalen Agentur für Krebsforschung schätzt, dass weltweit rund 15 Prozent aller neuen Krebsfälle auf Rauchen zurückgehen. Das ist mehr als bei jedem anderen vermeidbaren Faktor [1].

Rauchen verursacht nicht nur Lungenkrebs, sondern rund 15 weitere Krebsarten, darunter Tumoren von Mund, Kehlkopf, Speiseröhre, Magen, Pankreas, Leber, Darm, Niere und Harnblase.

Ein Rauchstopp lohnt sich auch spät. Das Risiko sinkt nicht sofort auf das Niveau eines Nichtrauchers, nimmt aber mit jedem Jahr der Abstinenz deutlich ab.

Impfungen verhindern Krebs

Die HPV-Impfung senkt nachweislich die Zahl invasiver Zervixkarzinome, am stärksten bei Impfung vor dem 17. Lebensjahr [2].

Nach Einführung der universellen Hepatitis-B-Impfung in Taiwan sanken bei Kindern und Jugendlichen sowohl Häufigkeit als auch Sterblichkeit des Leberzellkarzinoms [3].

Die Kausalkette ist hier ungewöhnlich klar:

Infektion verhindern → chronische Entzündung verhindern → Krebs verhindern.

Infektionen behandeln

Die Eradikation von Helicobacter pylori senkt nicht nur das Risiko für Magenkrebs. In einer Cochrane-Analyse randomisierter Studien war auch die Magenkrebssterblichkeit niedriger. Die Daten stammen allerdings überwiegend aus asiatischen Populationen, sodass sich die Effektgrösse nicht ohne Weiteres auf Europa übertragen lässt [4].

Ähnliches gilt für die Heilung einer chronischen Hepatitis C, die das Risiko für Leberkrebs deutlich verringert.

Krebsprävention bedeutet also nicht immer Lebensstil. Manchmal genügt es, eine klar definierte Ursache zu beseitigen.

Darmkrebsscreening: Früherkennung und Prävention

Beim Darmkrebs leistet Screening zwei Dinge zugleich: Es entdeckt Karzinome früher, und es entfernt Vorstufen, bevor daraus Krebs wird.

Randomisierte Studien zur Sigmoidoskopie zeigen eine klare Senkung von Inzidenz und Mortalität.

Für die Koloskopie liefert die NordICC-Studie ein differenziertes Bild [5]. Eingeladen wurden rund 28’000 Personen, untersuchen liess sich nur etwa jede zweite. Über alle Eingeladenen sank die Darmkrebsrate um 18 Prozent. Die Senkung der Sterblichkeit blieb in dieser Auswertung statistisch nicht gesichert. Bei denen, die tatsächlich teilnahmen, waren die geschätzten Effekte deutlich grösser.

Die Lehre daraus: Eine Koloskopie nützt nur, wenn sie gemacht wird, und nur so viel, wie ihre Qualität erlaubt.

In der Schweiz übernimmt die Grundversicherung seit Juli 2025 zwischen 50 und 74 Jahren eine Koloskopie alle zehn Jahre oder einen Stuhltest alle zwei Jahre.

Anderes Screening: kleinerer Nutzen

  • Lungenkrebs: Low-dose-CT senkt die Mortalität bei langjährigen starken Rauchern. Für die Allgemeinbevölkerung ist es nicht sinnvoll.
  • Brustkrebs: Die Mammographie senkt die Brustkrebssterblichkeit. Dem stehen Überdiagnosen, falsch positive Befunde und zusätzliche Eingriffe gegenüber.
  • Prostatakrebs: Beim PSA-Screening zeigt sich nach sehr langer Nachbeobachtung ebenfalls ein Mortalitätsvorteil [6]. Nach 23 Jahren war die Prostatakrebsmortalität relativ um 13 Prozent reduziert, absolut jedoch nur um 0,22 Prozentpunkte. Rund 456 Männer mussten zum Screening eingeladen werden, um einen Prostatakrebstod zu verhindern. Auf jeden verhinderten Todesfall kamen zwölf zusätzlich diagnostizierte Karzinome.

Relative Risikoreduktionen wirken eindrucksvoll. Absolute Zahlen zeigen, wie viel davon beim Einzelnen ankommt.

Lebensstil

Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel und übermässige UV-Exposition begünstigen nachweislich Krebs. Diese Zusammenhänge sind gut belegt.

Randomisierte Studien, die zeigen, dass eine gezielte Lebensstilintervention die gesamte Krebsmortalität senkt, fehlen aber weitgehend. Das macht gesunden Lebensstil nicht unwichtig. Es zeigt nur, wie hoch die Beweislatte für den Endpunkt «Krebstod» liegt.

Nahrungsergänzung

Hier gibt es wenig Anlass zu Optimismus. Für Vitamine, Antioxidanzien und die meisten Nahrungsergänzungsmittel fehlt bei normal ernährten Menschen jeder überzeugende Nachweis eines Nutzens.

Manches schadet sogar. Betacarotin erhöhte in randomisierten Studien bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko.

Was bleibt?

Die grossen Hebel sind erstaunlich konventionell:

  • Belegt, teils auch für die Sterblichkeit: nicht rauchen, gegen HPV und Hepatitis B impfen, H. pylori behandeln und an einem etablierten Darmkrebsscreening teilnehmen.
  • Belegt für die Krebsentstehung: Alkohol begrenzen, Gewicht halten, sich bewegen, Sonnenbrand vermeiden.
  • Individuell abzuwägen: Mammographie, PSA und Lungenscreening.

Die Effekte sind keineswegs gleich gross. Der Verzicht auf Tabak liegt in einer anderen Dimension als jede Optimierung des Speiseplans.

Wir können nicht jeden Krebs verhindern. Aber wir können einige seiner wichtigsten Ursachen ausschalten. Und bei ausgewählten Tumoren können wir verhindern, dass aus einer behandelbaren Erkrankung eine tödliche wird.

Das ist weniger spektakulär als das Versprechen eines «krebsverhindernden Lebensstils». Dafür ist es besser belegt.

Referenzen

  1. Fink H, Langselius O, Vignat J et al. Global and regional cancer burden attributable to modifiable risk factors to inform prevention. Nat Med 2026;32:1306–15.
  2. Lei J et al. HPV vaccination and the risk of invasive cervical cancer. N Engl J Med 2020;383:1340–48.
  3. Chang MH et al. Decreased incidence of hepatocellular carcinoma in hepatitis B vaccinees: a 20-year follow-up study. J Natl Cancer Inst 2009;101:1348–55.
  4. Ford AC et al. Helicobacter pylori eradication for the prevention of gastric neoplasia. Cochrane Database Syst Rev 2020;7:CD005583.
  5. Bretthauer M et al. Effect of colonoscopy screening on risks of colorectal cancer and related death. N Engl J Med 2022;387:1547–56.
  6. Roobol MJ, de Vos II, Månsson M et al. European Study of Prostate Cancer Screening — 23-Year Follow-up. N Engl J Med 2025;393:1669–80.

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