Die Luxemburgisierung der Schweiz

Über eine Gesellschaft, die ihren Wohlstand zunehmend verwaltet

Die Schweiz hat zu wenig Fachkräfte. Es fehlen Ärztinnen, Pflegende, Ingenieure, Informatikerinnen, Handwerker. Findet man sie im Inland nicht, sucht man sie im Ausland. Die Argumentation ist schlüssig, und sie ist seit Jahren dieselbe.

Vielleicht ist sie zu schlüssig. Vielleicht beschreibt der Fachkräftemangel weniger ein Problem als ein Symptom – das Ergebnis von Anreizen, die wir selbst gesetzt haben und die wir mit dem Import von Fachkräften nicht beheben, sondern stabilisieren.

Der Ökonom Mathias Binswanger nennt diese Entwicklung «Luxemburgisierung». Er meint damit eine Arbeitsteilung, die sich leise eingeschlichen hat: Die Einheimischen bewegen sich in gut bezahlte Tätigkeiten des Verwaltens, Organisierens, Kontrollierens und Beratens. Die unmittelbar produktive, die unmittelbar verantwortliche Arbeit übernehmen zunehmend Zugewanderte.

Das ist eine Zuspitzung. Sie lohnt sich trotzdem – als Frage, nicht als Anklage.

Eine Entscheidung, die niemand falsch nennen würde

Ein junger Mensch mit guten Noten steht vor der Wahl. Er könnte Ingenieur werden: ein anspruchsvolles Studium, später Arbeit im internationalen Wettbewerb, technische Verantwortung. Er könnte auch Betriebswirtschaft studieren und später Projekte koordinieren, Prozesse begleiten, Risiken beurteilen, Teams führen.

Wer die zweite Variante wählt, handelt nicht falsch. Sie verspricht oft mehr Einkommen, mehr Optionen, weniger Risiko. Die Entscheidung ist individuell vernünftig.

Nur: Der Ingenieur fehlt anschliessend. Man findet ihn in Deutschland, Italien, Polen oder Indien. Der Mangel ist gedeckt – und die Frage, warum die Wahl so ausfällt, bleibt ungestellt.

Was wir aus der Medizin kennen

Das Gesundheitswesen zeigt das Muster besonders deutlich. Ich sehe es täglich.

Die Schweiz bildet Ärztinnen und Ärzte aus, deckt ihren Bedarf aber seit Jahren nicht selbst. Zugleich wachsen die Funktionen rund um die eigentliche Medizin: Qualitätsmanagement, Codierung, Dokumentation, Zertifizierung, Controlling, Prozessführung.

Vieles davon hat gute Gründe. Patientensicherheit lässt sich nicht dem Zufall überlassen. Wer Leistungen abrechnet, muss sie belegen. Ich würde keinen dieser Bereiche pauschal streichen wollen.

Und doch verschiebt sich etwas. Um die Person, die behandelt, entsteht ein Kreis von Personen, die planen, messen, dokumentieren, kontrollieren und bewerten. Der Kreis wächst schneller als die Mitte.

Auch innerhalb der Ärzteschaft verändern sich die Anreize. Nachtdienste, Verantwortung am Krankenbett, wachsende Dokumentationspflichten stehen gegen planbare Laufbahnen in Management, Industrie, Versicherung oder Verwaltung. Dass junge Kolleginnen und Kollegen das abwägen, ist nachvollziehbar. Fehlen dann Ärzte am Patienten, findet man sie im Ausland.

Das funktioniert gut. Vielleicht zu gut.

Ein Ventil, das den Druck nimmt

Binswangers Punkt ist nicht, die Schweiz brauche keine ausländischen Fachkräfte. Sie braucht sie, und sie profitiert von ihnen.

Sein Punkt ist ein anderer: Die dauernde Möglichkeit, Fachkräfte zu importieren, nimmt den Druck, die Ursachen des Mangels anzusehen.

Knappheit wäre eigentlich ein Signal. Fehlen Pflegende, müssten Löhne und Bedingungen besser werden. Fehlen Ingenieure, müsste ihre Arbeit mehr gelten. Will niemand den Handwerksbetrieb übernehmen, müsste sich das Übernehmen lohnen.

Die Schweiz hat stattdessen ein Ventil: den europäischen, zunehmend den globalen Arbeitsmarkt. Die Knappheit verschwindet nicht. Sie wird verschoben – über die Grenze, und in die Zukunft.

Die Kontrollökonomie

Auf der anderen Seite wachsen Tätigkeiten, deren Nutzen schwer zu bemessen ist. Compliance, Nachhaltigkeit, Qualität, Datenschutz, Kommunikation, Zertifizierung, Beratung, Controlling.

Diese Funktionen leisten etwas. Viele sind unverzichtbar. Die Frage ist das Verhältnis.

Eine Person arbeitet. Eine zweite dokumentiert. Eine dritte definiert Indikatoren. Eine vierte prüft deren Einhaltung. Eine fünfte berichtet darüber. Eine sechste entwirft ein Projekt zur Verbesserung des Ganzen. Jede dieser Stellen lässt sich begründen. Zusammen ergeben sie etwas, das niemand so geplant hat.

Die Digitalisierung löst das nicht von selbst. Was messbar wird, wird erfasst, verglichen, kontrolliert. Binswanger weist darauf hin, dass Digitalisierung zusätzliches Controlling nicht erübrigt, sondern ermöglicht. Je effizienter wir technisch werden, desto mehr Menschen beschäftigen wir damit, die Effizienz anderer zu messen.

Das ist kein Vorwurf an die Betroffenen. Es ist eine Beobachtung über ein System.

Warum Luxemburg

Luxemburg kann sich aufgrund seiner besonderen wirtschaftlichen Lage ein Modell leisten, in dem ein grosser Teil der eigenen Bevölkerung in Staat, Verwaltung und Dienstleistung arbeitet, während vieles andere von Grenzgängern und Zugewanderten getan wird.

Die Schweiz bewegt sich, abgeschwächt, in eine ähnliche Richtung. Und das ist angenehm. Wir behalten die attraktiven Positionen, holen die fehlenden Spezialisten, das Bruttoinlandprodukt wächst, die Spitäler laufen, die Baustellen werden fertig. Kurzfristig gewinnen alle.

Die Frage, die bleibt, ist leise: Was wird aus einer Gesellschaft, die immer besser darin wird, Wohlstand zu verwalten, und immer weniger davon selbst herstellt?

Nicht die Herkunft, das Können

Es geht dabei nicht um die Nationalität derer, die die Arbeit tun. Der Chirurg aus Deutschland operiert nicht anders, weil er Deutscher ist. Die Ingenieurin aus Italien ist nicht weniger wert. Die Schweiz hat diesen Menschen viel zu verdanken, und dieser Text ist kein Plädoyer gegen sie.

Das Risiko liegt woanders. Wer über Jahrzehnte darauf vertrauen kann, Fähigkeiten jederzeit einzukaufen, entwickelt sie weniger selbst – und schafft seltener die Bedingungen, unter denen sie sich im eigenen Land lohnen.

Know-how lässt sich importieren. Eine Kultur des Könnens nicht ohne weiteres. Sie entsteht dort, wo Können gefragt ist, geübt wird und sich lohnt.

Wachstum und Wohlstand

Damit berührt die Luxemburgisierung eine zweite Frage, die Binswanger seit langem stellt. Zuwanderung erhöht das Bruttoinlandprodukt zuverlässig. Mehr Menschen arbeiten, konsumieren, bauen, bezahlen Steuern. Für den Einzelnen zählt jedoch etwas anderes: der Wohlstand pro Kopf, und die Lebensqualität.

Wachstum braucht Wohnungen, Strassen, Schulen, Spitäler, Verwaltung. Es ist nicht kostenlos. Und wenn ein Teil des Bedarfs an Fachkräften erst durch das Wachstum entsteht, beginnt sich das System selbst zu tragen: Wir brauchen Fachkräfte, also kommen Menschen. Mehr Menschen brauchen mehr Infrastruktur. Dafür brauchen wir Fachkräfte. Die Antwort auf den Mangel lautet dann immer: mehr.

Ob dieser Kreislauf so geschlossen ist, wie er hier klingt, weiss ich nicht. Dass er in der Diskussion kaum vorkommt, fällt auf.

Eine andere Frage

Die politische Diskussion fragt: Wie viele Fachkräfte braucht die Schweiz? Vielleicht müsste sie zuerst fragen: Warum fehlen sie? Und dann: Welche Tätigkeiten wollen wir mit unseren gut ausgebildeten Menschen eigentlich fördern?

Eine entwickelte Gesellschaft braucht Verwaltung, Kontrolle, Führung. Sie braucht ebenso Menschen, die operieren, konstruieren, programmieren, forschen, pflegen, reparieren, bauen und unternehmerisches Risiko tragen. Das Verhältnis zwischen beidem ist keine Naturkonstante. Es ist das Ergebnis von Anreizen, die wir setzen – meist ohne es zu merken.

Die Schweiz verdankt ihren Wohlstand nicht dem Controlling des Wohlstands. Sie verdankt ihn denen, die etwas können und es tun – Einheimischen wie Zugewanderten.

Die Frage der Luxemburgisierung lautet deshalb nicht, wie man Zuwanderung verhindert. Sie lautet, wie eine der bestausgebildeten Gesellschaften der Welt verhindert, dass sie ihre eigentlichen Fähigkeiten zunehmend importiert, während sie selbst das Vorhandene verwaltet.

Das wäre ein Fachkräftemangel, der zu denken gibt.

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