Der vernünftige Check-up

Warum mehr Medizin nicht immer mehr Gesundheit bedeutet

Es klingt vollkommen logisch: Je früher man eine Krankheit entdeckt, desto besser kann man sie behandeln. Und je gründlicher man sucht, desto grösser müsste die Chance sein, eine drohende Krankheit rechtzeitig zu erkennen.

Auf dieser Vorstellung beruht der medizinische Check-up. In seiner maximalen Form verspricht er eine beinahe vollständige Bestandesaufnahme: umfangreiche Laboranalysen, EKG, Lungenfunktion, Ultraschall, genetische Tests und vielleicht noch eine Magnetresonanztomografie des ganzen Körpers.

Technisch können wir heute nach immer mehr suchen.

Die entscheidende Frage lautet aber nicht: Was können wir untersuchen? Sondern: Was nützt einem gesunden Menschen, wenn wir es untersuchen?

Früher erkannt ist nicht automatisch besser

Screening bedeutet, bei Menschen ohne Beschwerden nach Krankheiten oder deren Vorstufen zu suchen. Damit ein Screening sinnvoll ist, genügt es nicht, dass der Test eine Krankheit früher entdeckt. Die frühere Diagnose muss dazu führen, dass Menschen länger oder besser leben.

Manche Krankheiten entwickeln sich so langsam, dass sie während des Lebens nie Beschwerden gemacht hätten. Andere lassen sich trotz früher Diagnose nicht entscheidend besser behandeln. Und jeder Test produziert neben richtigen auch falsche oder medizinisch bedeutungslose Befunde.

Deshalb kann eine Untersuchung viele Diagnosen finden und trotzdem wenig gesundheitlichen Nutzen bringen.

Es gibt Screenings, die funktionieren

Ein gutes Beispiel ist die Früherkennung des Darmkrebses. Hier wird nicht nur ein bereits vorhandener Krebs früher entdeckt. Bei einer Darmspiegelung lassen sich auch die Vorstufen – die Adenome – entfernen, bevor überhaupt ein Karzinom entsteht.

Internationale Empfehlungen sehen deshalb bei Menschen mit durchschnittlichem Risiko ein Screening ab etwa 45 bis 50 Jahren vor. Die Koloskopie ist dabei nicht die einzige Möglichkeit. Auch regelmässige immunologische Stuhltests (FIT) sind evidenzbasiert.

Ähnlich überzeugend ist die regelmässige Blutdruckmessung: billig, praktisch risikolos und geeignet, einen wichtigen behandelbaren Risikofaktor zu entdecken, der lange keine Beschwerden verursacht.

Bei Frauen ab 65 Jahren gehört auch das Screening auf Osteoporose mittels Knochendichtemessung zu den gut begründeten präventiven Untersuchungen. Dazu kommen der Gebärmutterhalsabstrich mit HPV-Test, die Ultraschallkontrolle der Bauchaorta bei Männern zwischen 65 und 75, die einmal geraucht haben, sowie die Bestimmung von Blutfetten und Blutzucker.

Das gemeinsame Prinzip ist unspektakulär: Eine relativ einfache Untersuchung findet einen relevanten Risikozustand, und aus dem Befund folgt eine Intervention, deren Nutzen belegt ist.

Dann beginnt die Grauzone

Schwieriger wird es bei Mammografie und PSA-Bestimmung.

Die Mammografie senkt die Brustkrebssterblichkeit nachweislich. Sie tut es aber um den Preis falsch-positiver Befunde und einer gewissen Zahl von Überdiagnosen. Beides gehört zu ihrer Bilanz.

Beim PSA-Test wird das Dilemma besonders deutlich. Er kann Prostatakarzinome früher erkennen. Er findet aber auch Tumoren, die einem Mann zeitlebens nie gefährlich geworden wären. Aus einem erhöhten Laborwert können MRT, Biopsie, Diagnose und schliesslich Therapie entstehen – mit möglichen Folgen wie Inkontinenz oder sexueller Funktionsstörung.

Die Frage lautet deshalb nicht nur: «Möchte ich wissen, ob ich Prostatakrebs habe?» Sondern: Möchte ich danach suchen, obwohl ich möglicherweise einen Tumor finde, dessen Entdeckung mir keinen Vorteil bringt?

Hier gibt es keine für jeden Menschen richtige Antwort.

Entscheidend ist das Ausgangsrisiko

Das Lungenkrebs-Screening zeigt besonders schön, wie sehr der Nutzen einer Untersuchung vom untersuchten Menschen abhängt.

Eine Computertomografie aller Gesunden wäre keine vernünftige Vorsorge. Bei Menschen mit erheblicher langjähriger Tabakexposition sieht die Bilanz anders aus. Für definierte Hochrisikogruppen kann ein regelmässiges Low-Dose-CT die Lungenkrebsmortalität senken.

Dasselbe CT kann somit bei einem Menschen sinnvolles Screening und beim anderen unnötige Diagnostik sein.

Nicht die Untersuchung an sich ist sinnvoll oder unsinnig. Entscheidend sind Ausgangsrisiko und klinischer Kontext.

Das Problem des Ganzkörper-MRT

Am anderen Ende des Spektrums steht die Vorstellung, man könne einen gesunden Körper einmal vollständig untersuchen und danach beruhigt nach Hause gehen.

Gerade die hohe Empfindlichkeit moderner Bildgebung macht diese Vorstellung problematisch.

Wer intensiv genug sucht, findet bei fast jedem Menschen etwas: eine kleine Leberzyste, einen Schilddrüsenknoten, eine Bandscheibenveränderung oder eine unklare Struktur in Niere oder Nebenniere.

Meistens sind solche Zufallsbefunde harmlos. Aber im Augenblick ihrer Entdeckung weiss man das noch nicht.

Damit beginnt die diagnostische Kaskade: Kontrolle, Spezialsprechstunde, weitere Bildgebung, vielleicht Punktion oder Biopsie. Manchmal steht am Ende lediglich die Erkenntnis, dass der ursprüngliche Befund bedeutungslos war.

Der Patient ist medizinisch nicht gesünder als vorher. Er hat nur einige Monate mit einer möglichen Diagnose gelebt.

Das eigentliche Problem heisst Überdiagnose

Ein falsch-positiver Befund ist letztlich korrigierbar: Der Verdacht bestätigt sich nicht.

Subtiler ist die Überdiagnose. Dabei wird eine Krankheit korrekt diagnostiziert, deren Entdeckung dem betreffenden Menschen trotzdem keinen Nutzen bringt, weil sie ohne Screening niemals klinisch relevant geworden wäre.

Das ist besonders bei Krebs schwer zu akzeptieren. Unsere Intuition sagt: Ein entdeckter Krebs muss besser sein als ein unentdeckter.

Aber Krebs ist biologisch kein einheitliches Ereignis. Manche Tumoren wachsen aggressiv, andere über Jahre oder Jahrzehnte. Screening findet naturgemäss besonders häufig langsam wachsende Tumoren, weil diese lange in einem entdeckbaren Stadium verbleiben.

Eine korrekte Diagnose kann deshalb eine unnötige Diagnose sein. Und eine unnötige Diagnose kann zu einer vollkommen korrekt durchgeführten, aber unnötigen Behandlung führen.

Prävention ist mehr als Diagnostik

Vielleicht liegt hier das grösste Missverständnis des modernen Check-ups.

Gesundheitsvorsorge besteht nur zu einem Teil darin, Krankheiten zu suchen.

Blutdruck behandeln, nicht rauchen, sich bewegen, Impfungen aktuell halten und metabolische sowie kardiovaskuläre Risiken erkennen – all das wirkt wenig spektakulär. Für die Gesundheit kann es bedeutsamer sein als eine aufwendige technische Untersuchung.

Ein guter Check-up müsste deshalb mit einem Gespräch beginnen und nicht mit einem Laborauftrag: Alter, Familienanamnese, Rauchen, Bewegung, Impfstatus, Medikamente, Blutdruck und bereits erfolgte Vorsorgeuntersuchungen.

Erst danach entscheidet sich, welche Untersuchungen sinnvoll sind.

Weniger Medizin ist nicht das Ziel

Daraus sollte man nicht die Schlussfolgerung ziehen, möglichst wenig Medizin sei grundsätzlich die bessere Medizin.

Eine unterlassene Darmkrebsvorsorge kann ebenso problematisch sein wie ein unnötiges Ganzkörper-MRT. Ein nicht erkannter Bluthochdruck ist keine erfolgreiche Vermeidung von Überdiagnostik.

Die Frage ist vielmehr: Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Untersuchung bei genau diesem Menschen etwas entdeckt, dessen Behandlung seine Lebensdauer oder Lebensqualität verbessert – und wie gross ist demgegenüber die Wahrscheinlichkeit, dass sie lediglich weitere Medizin erzeugt?

Der moderne Check-up ist deshalb kein festes Paket. Bei einem 46-jährigen Nichtraucher sieht er anders aus als bei einer 67-jährigen Frau mit Osteoporoserisiko oder einem 70-jährigen langjährigen Raucher.

Konkret, für einen gesunden 50-Jährigen ohne familiäre Belastung: ein Gespräch, Blutdruck, Blutfette und Blutzucker, ein Blick auf den Impfausweis, eine Darmkrebsvorsorge – Koloskopie oder FIT –, bei Frauen der Gebärmutterhalsabstrich. Kein Ganzkörper-MRT. Kein PSA ohne vorheriges Gespräch über die Folgen.

Gute Prävention bedeutet nicht, möglichst viel zu untersuchen. Sie bedeutet auch nicht, möglichst wenig zu untersuchen.

Sie bedeutet, das Richtige beim Richtigen zum richtigen Zeitpunkt zu untersuchen – und den Mut zu haben, den Rest nicht zu tun.

Stand: September 2026. Grundlagen: Empfehlungen der US Preventive Services Task Force (uspreventiveservicestaskforce.org), Schweizer Empfehlungen von smarter medicine (smartermedicine.ch) und der Krebsliga Schweiz.

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